Wie sicher der sichere Hafen wirklich war
Anleihen gelten als der ruhige Teil des Depots. Gerade fallen ihre Kurse, seit Wochen und deutlich. Sechzehn Mal ist das seit 1953 schon passiert — die Daten sagen etwas anderes dazu, als man erwartet.
Am 25. September 2026 stand der Zins zehnjähriger US-Staatsanleihen bei 5,17 %. Anfang des Monats waren es 4,79, vor einem Jahr 4,12. Die dreißigjährige liegt bei 5,49 % — dem höchsten Stand seit 2004.
Steigende Zinsen heißen fallende Anleihekurse, und die Überschriften dazu klingen entsprechend. Die erste Frage ist deshalb nicht, was man tun soll, sondern wie groß die Sache überhaupt ist.
Der Zehnjahreszins seit 1871. Der Punkt rechts ist der Stand vom
25. September 2026. Der Anstieg ist deutlich, aber nicht außergewöhnlich: Über zwölf
Monate sind es 1,05 Punkte — in 12 % aller Monate seit 1953 ging es
schneller. Im Juli 1981 waren es 4,03 Punkte in einem Jahr, und der Zins stand
im September 1981 bei 15,32 %. Auch das Niveau ist unauffällig: 5,17 % wurde
in 46 % aller Monate seit 1953 übertroffen (402 von 881). Ungewöhnlich sind nicht
die heutigen Zinsen, sondern die fünfzehn Jahre davor. Vor 1953 ist die Reihe kein laufzeitkonstanter
Staatsanleihezins, sondern ein langfristiger Zinssatz, den Shiller aus wechselnden
Quellen zusammensetzt. Die Linie zeigt ihn, weil sie sonst 1871 nicht erreicht —
gerechnet wird in diesem Artikel ausschließlich ab April 1953. Der Mechanismus ist der Grund für alles Weitere, und er passt in drei Sätze. Eine Anleihe zahlt einen festen Kupon. Wer eine
Zehnjährige mit 4 % gekauft hat, bekommt 4 %, egal was danach passiert. Steigt der
Marktzins auf 5 %, will niemand mehr 4 % kaufen — außer zu einem niedrigeren Preis.
Der Kurs fällt genau so weit, bis die Anleihe auf denselben Ertrag kommt wie eine
neue. Wie weit, hängt an der Restlaufzeit. Über den Daumen gilt: Kurs
minus Restlaufzeit mal Zinsanstieg. Bei einer Zehnjährigen kostet ein Zinsanstieg um
einen Punkt also rund 8 % Kurs, bei einer Dreißigjährigen fast das Doppelte. Deshalb ist der Aufschlag am langen Ende so heftig — und deshalb
steht die Dreißigjährige höher als die Zehnjährige. Und genau deshalb ist der Kursverlust nur die halbe
Geschichte. Wer die Anleihe behält, bekommt weiter seinen Kupon und am Ende die
100 zurück. Wer sie verkauft, realisiert den Verlust. Wer neu kauft, bekommt den
höheren Zins. Derselbe Vorgang ist für drei Leute drei verschiedene Dinge. Nachgerechnet für eine rollierende Zehnjährige — jeden Monat eine neue Anleihe zu
pari, bewertet zum dann geltenden Zins. Keine echte Indexreihe, eine Näherung; die
Grenzen stehen unten. Das ist der Unterschied zwischen einer Schlagzeile und einem
Depot. Die Kurse der Anleihen sind gefallen, die Erträge ihrer Besitzer nicht.
Über zwölf Monate stand eine rollierende Zehnjährige nominal bei +0,9 % — real,
nach 3,06 % Inflation, bei −2,1 %. Unangenehm, aber weit entfernt von dem, was
„Ausverkauf" nahelegt. Anders sieht es am langen Ende aus: Eine 2020 gekaufte
Dreißigjährige mit 1,5 % Kupon steht beim heutigen Zins bei einem Kurs von rund
48 — wer sie hält, bekommt in 24 Jahren seine 100 zurück, wer sie verkauft,
realisiert gut die Hälfte Verlust. Jede Episode seit 1953, in der der Zehnjahreszins binnen zwölf Monaten um mindestens
einen Punkt gestiegen ist. Links, was im Anstiegsjahr selbst passierte, rechts, was
danach kam. Zwei Striche in der Tabelle: Die Episode vom April 2024 ist
noch keine drei Jahre alt, deshalb fehlt für sie die rechte Hälfte. Sie zählt in den
Quoten unten nicht mit. Im Anstiegsjahr verlor die Anleihe in 14 von 16 Fällen. Das
ist der Mechanismus von oben, und er ist zuverlässig. Danach wird es interessanter:
Im Jahr nach dem Anstieg lag sie in 14 von 16 Fällen im Plus. Das klingt nach einer Regel — ist aber keine. Nimmt man
irgendeinen Monat seit 1953, lag die Anleihe ein Jahr später in 76 % der Fälle
im Plus und nach drei Jahren in 90 %. Nach einem Zinsanstieg sind es 88 %
und 93 %. Das sieht nach einem kleinen Vorsprung aus — nur entspricht bei
sechzehn Fällen ein einziger anderer Ausgang schon sechs Prozentpunkten. Der
Unterschied liegt vollständig in dem, was bei so wenigen Fällen der Zufall macht.
Ein Zinsanstieg sagt über die Jahre danach nichts, was nicht ohnehin gilt. Für Aktien gilt dasselbe, nur noch deutlicher: 13 von 16
Fällen im Plus nach einem Jahr gegen einen Normalwert von 78 %, 13 von 15 nach drei
Jahren gegen 89 %. Wer aus steigenden Zinsen eine Erwartung für den Aktienmarkt
ableitet, liest etwas in 16 Fälle hinein, was nicht darin steht. Jeder Punkt ist ein Monat seit April 1953. Waagerecht der Zins an diesem Tag,
senkrecht das, was eine Zehnjährige in den zehn Jahren danach pro Jahr abgeworfen hat.
Die eine Punktreihe ist die nominale Rendite, die andere dieselbe nach Abzug der
Inflation. Die Punkte für die nominale Rendite liegen fast auf einer Linie: Der Startzins
erklärt 89 % dessen, was nominal herauskommt, im Schnitt auf 0,9 Punkte
genau. Das ist die eine verlässliche Aussage, die es über Anleihen gibt — und sie ist
kein Kunststück, sondern Arithmetik: Bei einer Anleihe steht der Ertrag beim Kauf
weitgehend fest. Die Punkte für die reale Rendite sind eine Wolke. Für die reale Rendite
erklärt der Startzins nur 50 %. 218 der 761 Zehnjahresfenster endeten in
Kaufkraft im Minus — fast jedes dritte. Das schlechteste: −5,6 % pro Jahr,
Start September 1971, damals bei scheinbar auskömmlichen 6,14 %. Zehn Jahre später waren
von der Kaufkraft 44 % weg. Das ist derselbe Befund wie im Inflationsartikel, nur von der
anderen Seite: Die Zahl auf dem Papier ist sicher, das Geld dahinter nicht. Wer
heute 5,17 % festschreibt, weiß ziemlich genau, wie viele Dollar er in zehn Jahren
hat — und nicht, was sie wert sind. Bis hierher stand alles in Dollar. Wer in Euro rechnet, hat eine zweite Zahl im
Spiel — und sie ist größer als die erste. Der Reiz liegt auf der Hand: 5,17 % für zehnjährige
US-Staatsanleihen gegen 3,63 % für die zehnjährige Bundesanleihe — gut
anderthalb Punkte mehr, jedes Jahr, für zehn Jahre. Es gibt genau zwei
Möglichkeiten, das zu kaufen, und beide haben einen Haken. Wer den Dollar absichert, verkauft ihn auf Termin. Was dieses Termingeschäft
kostet, ist kein Marktpreis nach Laune, sondern ergibt sich aus dem Unterschied der
kurzfristigen Zinsen — sonst gäbe es ein risikoloses Geschäft. Abgesichert liegt die amerikanische Anleihe unter der
deutschen. Das ist kein Zufall und keine Marktmeinung, sondern Arithmetik: Die
Sicherung kostet ungefähr den Zinsunterschied, den sie absichern soll. Wer den
Zinsvorsprung ohne Währungsrisiko haben will, kann ihn nicht haben — sonst wäre er
kein Risiko. Dann bleiben die 5,17 % — aber in Dollar. Was in Euro daraus wird, hängt daran, wo
der Kurs in zehn Jahren steht. Heute sind es 1,1378 Dollar je Euro. Die Spanne dieser Tabelle ist größer als der ganze
Zinsvorsprung. Anderthalb Punkte Vorsprung stehen gegen einen Währungseffekt von
plus 2,4 bis minus 2,4 Punkten pro Jahr — und das für Kurse, die keineswegs extrem
sind. Allein zwischen Juni und August 2026 bewegte sich der Referenzkurs der
Europäischen Zentralbank zwischen 1,1340 und 1,1699: 3,2 % in vier Monaten. Damit ist die Frage für einen Anleger in Euro eine andere als
die, mit der dieser Artikel angefangen hat. Nicht: Sind 5,17 % viel? Sondern: Will ich
für zehn Jahre auf den Dollar setzen? Wer das nicht will, sichert ab und landet bei
der Bundesanleihe. Wer es will, kauft keine sichere Anlage, sondern eine
Währungswette mit Kupon. Die Sicherungskosten sind hier aus dem Unterschied der
Dreimonatszinsen geschätzt, nicht aus tatsächlichen Terminkursen — die weichen um
Bruchteile eines Punktes davon ab. An der Größenordnung ändert das nichts.Wie groß der Anstieg wirklich ist
Warum eine Anleihe fällt, wenn die Zinsen steigen
Was ein Anleihenbesitzer tatsächlich verloren hat
Sechzehn Mal ist das schon passiert
Monat Zins Anleihe im Anstiegsjahr
Anleihe 1 Jahr danach Anleihe 3 Jahre danach
Aktien 3 Jahre danach 1959/03 2,98 → 3,99 % -4,8 % +2,3 % +4,3 % +11,2 % 1968/03 4,54 → 5,74 % -4,0 % +1,5 % +6,6 % +7,3 % 1970/04 6,17 → 7,39 % -1,9 % +19,4 % +8,2 % +12,2 % 1973/07 6,11 → 7,13 % -0,9 % +2,3 % +5,9 % +3,6 % 1978/06 7,28 → 8,46 % -0,5 % +5,7 % +0,04 % +16,4 % 1980/07 8,95 → 10,25 % +1,6 % -10,1 % +10,0 % +17,5 % 1983/11 10,55 → 11,69 % +3,8 % +13,1 % +21,0 % +18,8 % 1987/07 7,30 → 8,45 % -0,5 % +4,5 % +8,6 % +8,6 % 1994/04 5,97 → 6,97 % -1,5 % +6,7 % +6,9 % +22,4 % 1999/09 4,81 → 5,92 % -3,3 % +7,0 % +11,1 % -11,9 % 2004/05 3,57 → 4,72 % -5,2 % +9,2 % +4,4 % +13,0 % 2006/06 4,00 → 5,11 % -4,2 % +4,8 % +7,8 % -7,6 % 2009/12 2,42 → 3,59 % -6,6 % +5,7 % +8,2 % +10,8 % 2013/07 1,53 → 2,58 % -7,3 % +3,0 % +5,6 % +11,0 % 2022/04 1,64 → 2,75 % -8,0 % -2,7 % -0,5 % +8,5 % 2024/04 3,46 → 4,54 % -4,7 % +6,4 % — — Was der Einstiegszins wirklich verrät
Für deutsche Anleger kommt der Dollar dazu
Mit Währungssicherung: Der Vorsprung verschwindet
Ohne Sicherung: Die Währung entscheidet
EUR/USD in zehn Jahren Währungseffekt
zusammen, in Euro gerechnet gegen Bundesanleihe 0,90 +2,4 % p.a.
7,5 % p.a. deutlich besser 1,00 +1,3 % p.a.
6,5 % p.a. besser 1,14 (heute) ±0,0 % p.a.
5,2 % p.a. besser 1,30 −1,3 % p.a.
3,8 % p.a. ungefähr gleich 1,45 −2,4 % p.a.
2,8 % p.a. schlechter
Was die Zahlen hergeben
Eine Empfehlung steht hier nicht. Was sich aus den Daten ablesen lässt, sind vier Sätze.
Erstens: Der Kursverlust und der Ertragsverlust sind zwei verschiedene Dinge. Wer eine Anleihe hält, bekommt weiter seinen Kupon und am Ende sein Geld zurück. Die letzten zwölf Monate haben einen rollierenden Zehnjahresbestand nominal 0,9 % Plus gebracht — der Kupon hat den Kursverlust fast aufgefressen. Real war es ein Minus von 2,1 %. Das ist ein schlechtes Jahr, kein Absturz.
Zweitens: Was man beim Kauf bekommt, steht beim Kauf weitgehend fest. Der Einstiegszins erklärt 89 % dessen, was nominal über zehn Jahre herauskommt. Wer heute kauft, kauft ziemlich genau 5,17 % pro Jahr — das ist die eine Sache, die man bei Anleihen wirklich weiß und bei Aktien nie.
Drittens: Real weiß man es nicht. Derselbe Zusammenhang erklärt nur 50 % der Kaufkraftrendite. Fast jedes dritte Zehnjahresfenster seit 1953 endete real im Minus. Ein Anleihekauf ist deshalb keine sichere Anlage, sondern eine Wette darauf, dass die Inflation unter dem Zins bleibt — eine Wette, die man bei 5,17 % gegen 3,1 % Inflation mit Vorsprung eingeht, aber eben eine Wette.
Viertens: Aus dem Zinsanstieg selbst folgt nichts. Seit 1953 ist der Zehnjahreszins sechzehn Mal binnen eines Jahres um mehr als einen Punkt gestiegen — das sind die sechzehn Episoden in der Tabelle oben. In den Jahren danach verhielten sich weder Anleihen noch Aktien anders als in beliebigen anderen Jahren. Wer seinen Einstieg nach dem Zinsverlauf plant, richtet sich nach einem Signal, das sich in diesen sechzehn Fällen als keines erwiesen hat.
Fünftens, und für einen Anleger in Euro das Wichtigste: Der Dollar ist größer als der Zinsvorsprung. Abgesichert bleibt von den 5,17 % ungefähr die Rendite der Bundesanleihe übrig. Ohne Sicherung entscheidet der Wechselkurs über mehr Prozentpunkte als der Zins.
Was daraus für ein bestimmtes Depot folgt, hängt davon ab, wann das Geld gebraucht wird — und das steht in keiner dieser Reihen. Wir sind keine Anlageberater, und dieser Artikel ist keine Beratung.
Grenzen dieser Rechnung
Die Anleihenreihe ist nachgebaut, nicht gemessen. Eine frei verfügbare Gesamtrenditereihe für US-Staatsanleihen gibt es nicht; die hier verwendete Näherung unterstellt eine jedes Monat neu aufgesetzte Zehnjährige zu pari mit Jahreskupons. Ein echter Index enthält andere Laufzeiten, halbjährliche Kupons und Handelskosten. Die Größenordnungen stimmen, die Nachkommastellen nicht.
Für die dreißigjährige Anleihe haben wir keine eigene Reihe. Der aktuelle Stand stammt vom Finanzministerium, alles Gerechnete bezieht sich auf die Zehnjährige — und am langen Ende fallen alle Ausschläge deutlich größer aus.
Gerechnet wird auf Monatsdurchschnitten; der tagesaktuelle Zins kommt aus einer zweiten Quelle und passt deshalb nicht exakt in die Reihe. Sechzehn Episoden sind sechzehn Episoden — jede hatte ihre eigene Geldpolitik und ihren eigenen Anlass. Und es ist der amerikanische Markt: Was das für einen Anleger im Euroraum bedeutet, steht im Abschnitt über den Dollar — die Wechselkursszenarien dort sind Rechenbeispiele, keine Prognose.
Quellen und Methode
- Referenzkurs Euro zu US-Dollar, Europäische Zentralbank — www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/html/eurofxref-graph-usd.en.html
- Dreimonats-Euribor — euribor-rates.info/en/euribor-rate/3-month-rate
- Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, Tageswert — tradingeconomics.com/germany/government-bond-yield
- Zehnjahreszins, Aktienkurse, Dividenden und US-Verbraucherpreisindex, Standard-and-Poor's-Composite-Reihe von Robert J. Shiller — shillerdata.com
- Tagesaktuelle Zinssätze, Daily Treasury Par Yield Curve Rates, US-Finanzministerium — home.treasury.gov/resource-center/data-chart-center/interest-rates/TextView?type=daily_treasury_yield_curve&field_tdr_date_value=202609
Die Gesamtrendite einer Anleihe ist nachgebaut als rollierende zehnjährige Par-Anleihe: Jeden Monat wird eine Anleihe zu pari mit dem Zehnjahreszins des Vormonats als Kupon gekauft, einen Monat später zum neuen Zins bei 9 Jahren und 11 Monaten Restlaufzeit bewertet und gegen eine neue getauscht. Jahreskupons, ohne Kosten und Steuern. Das ist kein veröffentlichter Index, sondern die übliche Näherung. Aktien als S&P-Composite-Gesamtrendite inklusive wiederangelegter Dividenden. Reale Werte mit dem US-Verbraucherpreisindex. Alle ausgewiesenen Zahlen ab April 1953, weil die Zinsreihe davor kein laufzeitkonstanter Staatsanleihezins ist. Die Kosten einer Währungssicherung sind aus dem Unterschied der Dreimonatszinsen geschätzt, nicht aus Terminkursen. Der Wechselkurs ist der Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 28. September 2026, die Bundesanleihe ein Tageswert vom 29. September 2026 aus einer Sekundärquelle.
Eigene Berechnung · Stand September 2026 · zuletzt geändert 2026-09-29 · wie hier gerechnet wird