Inflation – was ist das?
Wenn Sie von dieser Seite nur eine Sache mitnehmen, dann diese.
Der Unterschied in einem Satz
Nominal ist die Zahl. Real ist, was man dafür bekommt.
Ein Jahr auf dem Konto
Sie legen 100 Euro aufs Konto. Ein Jahr später stehen dort 103 Euro. Sie haben 3 Prozent bekommen.
Im selben Jahr sind die Preise um 3 Prozent gestiegen. Was vorher 100 Euro kostete, kostet jetzt 103.
Sie haben also 3 Prozent gewonnen — und können sich genau gleich viel kaufen wie vorher.
Nominal: plus 3 Prozent. Real: null. Beide Zahlen stimmen — sie beantworten nur zwei verschiedene Fragen. Nominal sagt, wie viel Geld auf dem Konto liegt. Real sagt, wie viel man sich davon kaufen kann. Die zweite Frage ist die, auf die es ankommt.
Warum das so wichtig ist
Weil fast niemand ein Gefühl dafür hat, was kleine Prozente über lange Zeit anrichten.
Zwei Prozent Inflation im Jahr klingen nach nichts. Das ist der Wert, den die Europäische Zentralbank anstrebt — also ausdrücklich der Normalfall, nicht die Krise. So viel bleibt von 100 Euro Kaufkraft übrig:
| nach | bleiben |
|---|---|
| 10 Jahren | 82 € |
| 20 Jahren | 67 € |
| 30 Jahren | 55 € |
| 40 Jahren | 45 € |
Nach 35 Jahren ist die Hälfte weg. Wer mit 30 anfängt zu sparen und mit 65 aufhört, erlebt das einmal komplett.
Und das ist keine Rechenübung. In Deutschland lag die Inflation seit 1991 bei durchschnittlich 2,0 Prozent im Jahr — von 100 Mark aus dem Jahr 1991 sind heute noch 52 Euro Kaufkraft übrig. Genau wie in der Tabelle.
Was alte Beträge heute wären
Dieselbe Sache von der anderen Seite. So viel Geld bräuchten Sie heute, um sich das zu kaufen, was damals 10.000 Euro gekauft haben:
| 10.000 € aus dem Jahr | entsprechen heute |
|---|---|
| 1991 | 19.273 € |
| 2000 | 15.801 € |
| 2005 | 14.638 € |
| 2010 | 13.541 € |
| 2020 | 11.930 € |
Am besten merkt man sich das so: Ein Euro von 2005 und ein Euro von heute sind zwei verschiedene Währungen. Sie heißen nur gleich. 10.000 Euro aus dem Jahr 2005 entsprechen heute 14.638 Euro — wer die beiden Beträge nebeneinanderstellt, ohne umzurechnen, vergleicht zwei Währungen, die zufällig denselben Namen tragen.
Deshalb ist „damals kostete das 80.000 Mark" ohne Jahreszahl keine Information.
Wie man es ausrechnet
Für den Alltag reicht Abziehen:
5 Prozent Rendite minus 2 Prozent Inflation sind ungefähr 3 Prozent real.
Genau ist das nicht, aber nah genug. Richtig geht es so:
real = (1 + Rendite) ÷ (1 + Inflation) − 1
Der Unterschied ist winzig, solange die Zahlen klein sind. Er wird groß, wenn sie groß werden: Bei 100 Prozent Rendite und 50 Prozent Inflation bleiben nicht 50 Prozent übrig, sondern 33,3.
Drei Stellen, an denen es zuschlägt
Auf dem Tagesgeldkonto. 3 Prozent Zinsen bei 5 Prozent Inflation sind kein Gewinn, sondern real minus 1,9 Prozent. Die Zahl auf dem Auszug wächst, und Sie werden trotzdem ärmer.
Beim Gehalt. Eine Erhöhung unterhalb der Inflationsrate ist eine Kürzung. Zwei Prozent mehr bei drei Prozent Inflation heißt: ein Prozent weniger.
Bei jeder Zahl aus der Vergangenheit. Was ein Haus 1975 gekostet hat, sagt nichts, solange man nicht weiß, was 1975 ein Monatslohn war.
Was das für diese Seite heißt
Alle Auswertungen hier rechnen mit beidem und schreiben dazu, was gemeint ist. Das ist keine Pedanterie — es ist oft der ganze Unterschied:
- Ein Börsenrückgang ab 1968 war nominal nach gut drei Jahren erledigt. In Kaufkraft dauerte er 23 Jahre.
- Ein Hektar Ackerland kostete 2011 wieder so viel wie 1991. Kaufen konnte man davon erst 2016 wieder dasselbe.
Zweimal dieselben Daten, zweimal eine andere Geschichte. Wer den Unterschied kennt, liest jede Renditeangabe anders — auch die in der Werbung.
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Bis hierher ging es darum, was Inflation im Alltag anrichtet. Der Rest dieser Seite ist für alle, die es genau wissen wollen: die Definition, wie gemessen wird, woher Inflation kommt und wo die Messung an ihre Grenzen stößt. Für das Lesen der Auswertungen auf dieser Seite braucht man das nicht.
Die Definition
Inflation ist der anhaltende Anstieg des allgemeinen Preisniveaus — und damit, dasselbe von der anderen Seite gesehen, der Rückgang der Kaufkraft des Geldes. Drei Wörter dieser Definition tragen die ganze Last:
Anhaltend. Ein einmaliger Sprung ist keine Inflation, sondern eine Niveauverschiebung. Wenn die Mehrwertsteuer um drei Punkte steigt, sind die Preise ein Jahr lang höher als im Vorjahr — danach fällt der Effekt aus der Rate heraus, ohne dass irgendetwas billiger geworden wäre. Das Niveau bleibt oben, die Rate geht zurück.
Allgemein. Ein einzelner Preis sagt nichts. Dass Kaffee teurer wird, während Fernseher billiger werden, ist der Normalfall einer Marktwirtschaft. Inflation meint die Bewegung des Durchschnitts, nicht die eines Postens.
Preisniveau. Gemessen wird an einem Korb von Gütern, nicht an einem Gut. Welcher Korb das ist, entscheidet über das Ergebnis — siehe weiter unten.
Davon zu unterscheiden sind zwei Begriffe, die oft verwechselt werden: Disinflation ist eine fallende Inflationsrate bei weiter steigenden Preisen — von 8 auf 3 Prozent ist Disinflation, nichts wird billiger. Deflation ist eine Rate unter null, also ein fallendes Preisniveau.
Wie gemessen wird
In Deutschland misst das Statistische Bundesamt den Verbraucherpreisindex (VPI). Er bildet die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen ab, die private Haushalte für Konsumzwecke kaufen. Die Eckdaten:
| Warenkorb | rund 700 Güterarten |
| Basisjahr | 2020 = 100 (Revision Februar 2023) |
| Indexformel | Laspeyres-Typ, also fester Warenkorb |
| Gewichte | Wägungsschema aus Verbrauchserhebungen, alle fünf Jahre erneuert |
| Inflationsrate | Veränderung des Index gegenüber dem Vorjahresmonat |
Entscheidend ist das Wort fest. Ein Laspeyres-Index fragt: Was kostet heute derselbe Korb, den ein Haushalt im Basisjahr gekauft hat? Die Mengen bleiben stehen, nur die Preise laufen. Das macht den Index nachvollziehbar und über die Zeit vergleichbar — und erzeugt genau die Verzerrung, die weiter unten steht.
Für die Geldpolitik zählt ein zweiter Index: der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), nach einheitlichen europäischen Regeln berechnet, damit die Länder des Euroraums vergleichbar sind. Die EZB misst ihr Ziel am HVPI, nicht am deutschen VPI. Beide Reihen laufen ähnlich, aber nicht gleich.
Die Kerninflation ist der HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel. Nicht, weil Heizen und Essen unwichtig wären — sondern weil diese beiden Posten stark schwanken und oft von außen kommen. Die Kernrate soll zeigen, wie viel Preisdruck im Inland steckt und bleibt.
Woher Inflation kommt
Es gibt nicht die Ursache. In der Volkswirtschaftslehre werden vier Mechanismen unterschieden, die sich in der Praxis überlagern.
Nachfragesog. Die Nachfrage übersteigt, was eine Volkswirtschaft bei normaler Auslastung produzieren kann. Die Mengen lassen sich nicht beliebig ausweiten, also geben die Preise nach oben nach. Klassischer Fall: ein Konjunkturaufschwung bei voller Kapazität.
Kostendruck. Die Kosten der Produktion steigen — Energie, Vorleistungen, Löhne — und werden in die Preise weitergegeben. Das ist der unangenehme Fall, weil er Preise und Produktion gleichzeitig in die falsche Richtung schiebt: Die Preise steigen, obwohl die Wirtschaft nicht überhitzt. Die Jahre 2021 und 2022 sind das Lehrbuchbeispiel. Der europäische Gaspreis stieg von 11 Euro je Megawattstunde im September 2020 auf 204 Euro im September 2022; auf die Energiekomponente entfielen rund 42 Prozent des Anstiegs des HVPI.
Geldmenge. Die älteste Erklärung. Die Quantitätstheorie beschreibt den Zusammenhang als Identität — Geldmenge mal Umlaufgeschwindigkeit gleich Preisniveau mal Gütermenge — und folgert: Wächst die Geldmenge dauerhaft schneller als die Gütermenge, steigen die Preise. Milton Friedman hat daraus den Satz gemacht, Inflation sei immer und überall ein monetäres Phänomen. Unstrittig ist das nicht: Über kurze Zeiträume ist der Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflationsrate schwach, weil die Umlaufgeschwindigkeit selbst schwankt. Über sehr lange Zeiträume und bei sehr hohen Raten ist er deutlich. Hyperinflationen sind ohne Geldschöpfung nicht zu haben.
Erwartungen. Der Mechanismus, der die anderen drei erst dauerhaft macht. Wer mit steigenden Preisen rechnet, verlangt höhere Löhne und setzt höhere Preise — und macht die Erwartung damit wahr. In der Forschung seit Ende der sechziger Jahre anerkannt; sie erklärt, warum ein einmaliger Schock in eine anhaltende Rate übergehen kann (Zweitrundeneffekte) und warum Notenbanken so viel Wert auf verankerte Erwartungen legen. Ein Schock, dem niemand glaubt, läuft aus; einer, den alle fortschreiben, bleibt.
Dazu kommt ein Sonderfall: importierte Inflation. Wertet die eigene Währung ab, werden Einfuhren in heimischer Währung teurer, ohne dass sich im Inland etwas geändert hätte. Für eine Volkswirtschaft, die Energie und Rohstoffe einführt und in Dollar bezahlt, ist das ein eigener Kanal.
Warum zwei Prozent und nicht null
Der EZB-Rat strebt 2 Prozent auf mittlere Sicht an und versteht das Ziel symmetrisch: Abweichungen nach unten sind so unerwünscht wie nach oben. Diese Formulierung stammt aus der Strategieüberprüfung vom 8. Juli 2021 und wurde in der Bewertung vom 30. Juni 2025 bestätigt.
Warum nicht null? Drei Gründe werden genannt:
1. Die Messung überzeichnet. Ein gemessenes Null wäre vermutlich ein echtes Minus (siehe unten). 2. Abstand zur Zinsuntergrenze. Nominalzinsen lassen sich kaum weit unter null senken. Je höher die normale Inflationsrate, desto mehr Spielraum bleibt im Abschwung. 3. Löhne fallen ungern. Nominale Lohnkürzungen setzen sich schwer durch. Bei leicht positiver Inflation können sich relative Löhne anpassen, ohne dass irgendwo eine Zahl sinken muss.
Der Preis dafür steht oben in der Tabelle: Zwei Prozent sind der ausdrückliche Normalfall — und halbieren den Geldwert in 35 Jahren.
Was die Messung nicht kann
Ein Preisindex ist eine Konstruktion, keine Naturkonstante. Vier bekannte Verzerrungen, alle in dieselbe Richtung:
Substitution. Wird Butter teurer, kaufen Menschen Margarine. Der feste Korb rechnet weiter mit Butter und zeigt deshalb eine höhere Teuerung, als die Haushalte tatsächlich erleben.
Einkaufsstätten. Derselbe Effekt eine Ebene höher: Wer vom Fachgeschäft zum Discounter wechselt, zahlt weniger, als der Index unterstellt.
Qualität. Ein Auto von heute ist nicht das Auto von 1995. Steigt der Preis, weil das Produkt besser wurde, ist das keine Inflation. Statistikämter rechnen solche Verbesserungen heraus — hedonische Verfahren —, und wie gut das gelingt, ist eine offene Frage.
Neue Güter. Produkte kommen oft teuer auf den Markt und werden rasch billiger. Wandern sie erst später in den Korb, fehlt genau der Teil des Preisverfalls, der am größten war.
Wie viel das zusammen ausmacht, hat 1996 die vom US-Senat eingesetzte Boskin-Kommission für den amerikanischen Verbraucherpreisindex geschätzt: rund 1,1 Prozentpunkte pro Jahr zu viel. Die Zahl war umstritten, spätere Arbeiten kamen auf niedrigere Werte — eine Untersuchung für 1952 bis 1996 etwa auf rund 0,6 Prozentpunkte —, und die Ämter haben seither nachgebessert. Dass die Verzerrung nach oben geht, ist weitgehend unbestritten; wie groß sie heute ist, nicht.
Und noch eine Grenze, die mit Methode nichts zu tun hat: Ihre persönliche Inflationsrate ist nicht die veröffentlichte. Der Index beschreibt einen Durchschnittshaushalt. Wer zur Miete wohnt, pendelt und heizt, erlebt etwas anderes als jemand mit abbezahltem Haus und kurzem Arbeitsweg. Die amtliche Rate ist die richtige Zahl, um Jahre miteinander zu vergleichen — sie ist nicht die Zahl Ihres Haushalts.
Quellen zu diesem Abschnitt
- Statistisches Bundesamt: Verbraucherpreisindex und Inflationsrate — Definition, Warenkorb, Basisjahr
- EZB: Erklärung zur geldpolitischen Strategie — Fassung vom 8. Juli 2021
- EZB: Bewertung der Strategie, 30. Juni 2025 — Bestätigung des symmetrischen Ziels
- Sachverständigenrat, Jahresgutachten 2022/23, Kapitel 2 — Gaspreis, Beitrag der Energiekomponente, Kerninflation
- Boskin-Kommission, Bericht von 1996 — Verzerrungen des Verbraucherpreisindex