Ein Sparplan braucht die schlechten Jahre
Max Mustermann zahlt ab Januar 1980 jeden Monat ein. Nach 46 Jahren stehen 3,83 Millionen im Depot. Zweimal verliert er unterwegs fast die Hälfte — und das Geld aus den schlechtesten Jahren hat sich besser verzinst als das aus den Neunzigern.
Über Sparpläne wird viel behauptet und wenig nachgerechnet. Also rechnen wir einen durch.
Max Mustermann fängt im Januar 1980 an. Er legt 10.000 Dollar auf einen Schlag an und zahlt danach jeden Monat 500 Dollar ein, in einen Fonds auf den S&P 500, Dividenden werden wieder angelegt. Alle Beträge sind in heutiger Kaufkraft gerechnet — 1980 waren das nominal 2.330 Dollar Startkapital und 116,50 Dollar im Monat. Max erhöht die Rate also jedes Jahr um die Inflation, sonst nichts. Er verkauft nie, er kauft nie zu, er sieht sich keine Kurse an.
Das Startdatum ist mit Absicht freundlich gewählt: Der Januar 1980 liegt am Vorabend der großen Hausse, das Hoch im August 2000 ist ihr Gipfel. Was dabei herauskommt, ist deshalb kein realistischer Erwartungswert, sondern der obere Rand — was am Ende dieses Artikels noch eine Rolle spielt. Freundlich heißt dabei nicht bequem: Die ersten zweieinhalb Jahre ging es abwärts.
Was bis zum Jahr 2000 daraus wurde
Bis zum August 2000 hat Max 133.500 Dollar eingezahlt. Im Depot liegen 751.386. Das ist das 5,6-Fache, und es entspricht einer realen Rendite von 13,7 % pro Jahr — etwas mehr, als der Index selbst in diesem Zeitraum geschafft hat.
Und dann kam der Teil, den in dieser Geschichte selten jemand mitliefert.
Die ersten zwanzig Jahre
Die graue Linie ist das Geld, das Max eingezahlt hat — sie steigt jeden Monat um dieselben 500 Dollar. Die blaue Linie ist der Depotwert. Die Fläche dazwischen ist das, was der Markt daraus gemacht hat.
Die ersten Jahre sehen nach nichts aus. Im Juli 1982, nach zweieinhalb Jahren, hatte Max 25.000 Dollar eingezahlt und 22.192 im Depot — weniger, als er hineingesteckt hatte. Wer in diesem Moment aufgehört hätte, hätte den Rest dieser Grafik nie gesehen.
Warum der Sparplan besser lief als der Index. Wer monatlich einzahlt, hat sein meistes Geld erst spät im Markt — das hilft, wenn die starken Jahre am Ende liegen, und schadet, wenn sie am Anfang lagen. Zwischen 1980 und 2000 lagen sie am Ende. Über alle 107 Startjahre gerechnet ist es ungefähr ein Münzwurf: In 58 von 107 Zwanzigjahres-Zeiträumen lag der Sparplan vor dem Index, im Median um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr.
Und dann kam das Jahr 2000
Dieselbe Rechnung, nur bis heute weitergeführt. Der Ausschnitt oben ist hier das kleine Stück ganz links.
Nach dem Hoch im August 2000 verlor das Depot 43,3 %. Es dauerte 81 Monate — fast sieben Jahre —, bis es real wieder über dem Stand von August 2000 lag. Fünf Monate später begann der nächste Rückgang, und der war mit 49,2 % noch tiefer.
Diese 81 Monate sind nicht die Erholung des Marktes. Der S&P 500 selbst brauchte inklusive Dividenden und nach Abzug der Inflation 153 Monate — fast dreizehn Jahre — bis Mai 2013, um sein Niveau von August 2000 wieder zu erreichen. Max war sechs Jahre früher zurück, und zwar nur deshalb, weil er die ganze Zeit weiter eingezahlt hat.
| Rückgang des Depots | Höchststand | Tiefpunkt | Verlust | in Dollar |
|---|
Der teuerste Rückgang war nicht 2008. Prozentual war die Finanzkrise der schlimmste, in Geld gerechnet aber nicht: Vom Hoch im Oktober 2007 bis zum Tief im März 2009 schrumpfte das Depot um 383.174 Dollar, von November 2021 bis Oktober 2022 um 627.742 — und das, obwohl in beiden Phasen weiter eingezahlt wurde. Je größer das Depot wird, desto mehr Geld kostet derselbe Prozentsatz — und desto schwerer fällt es, ruhig zu bleiben.
Was nominal auf dem Auszug stand
Bis hierher ist alles in Kaufkraft von heute gerechnet. Auf Max' Depotauszug standen andere Zahlen — und zwar durchweg freundlichere.
Nominal, also in dem Geld, das wirklich geflossen ist: Max hat in 46 Jahren 161.006 Dollar überwiesen. Nicht 289.500 — die Rate begann 1980 bei 116,50 Dollar und wuchs erst mit den Jahren auf 500. Daraus wurden 3.829.048 Dollar, also das 23,8-Fache, oder 11,7 % pro Jahr.
| gerechnet in… | eingezahlt | Depotwert | Faktor | pro Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Dollar der jeweiligen Zeit (nominal) | 161.006 $ | 3.829.048 $ | 23,8× | +11,7 % |
| Dollar von 1980 | 67.454 $ | 892.180 $ | 13,2× | +8,6 % |
| Dollar von heute (August 2026) | 289.500 $ | 3.829.048 $ | 13,2× | +8,6 % |
Warum der Depotwert oben und unten gleich ist. Umrechnen muss man nur Beträge aus der Vergangenheit. Das Geld liegt heute im Depot, und „heute" ist in der letzten Zeile der Maßstab — deshalb steht dort dieselbe Zahl wie in der nominalen. Rechnet man stattdessen in Geld von 1980, schrumpft der Depotwert auf 892.180 Dollar, und dann ist die nominale Zahl wie erwartet die größere. Der Faktor bleibt in beiden Kaufkraft-Zeilen derselbe: 13,2 statt 23,8.
Der Abstand zwischen 23,8 und 13,2 ist vollständig Inflation — aber nicht die 4,3, die man vielleicht erwartet. 23,8 geteilt durch 13,2 ergibt 1,8, und genau um diesen Faktor unterscheiden sich auch die beiden Einzahlungssummen: 289.500 gegen 161.006 Dollar. Auf das 4,3-Fache sind die Preise seit Januar 1980 gestiegen — das gilt für die allererste Rate. Die späteren Raten liegen kürzer zurück und werden entsprechend weniger aufgewertet; über alle 560 Raten gemittelt kommt eben 1,8 heraus, was ungefähr einer Einzahlung von Anfang 2004 entspricht.
Bis zum Hoch im August 2000 sah der Sparplan nominal nach 17,7 % pro Jahr aus — real waren es 13,7 %. Aus 50.007 tatsächlich überwiesenen Dollar waren damals 388.856 geworden.
Beide Zahlen sind richtig, und beide werden gebraucht. Die nominale steht auf dem Auszug, und Steuern fallen auf sie an — auf den Gewinn in laufendem Geld, nicht auf den inflationsbereinigten. Die reale sagt, was man sich davon kaufen kann. Wer eine Sparplan-Rechnung sieht, ohne dass dabeisteht, welche von beiden gemeint ist, sollte nachfragen: Hier liegt der Unterschied beim Faktor 23,8 gegen 13,2. Alle übrigen Zahlen in diesem Artikel sind in Dollar von heute gerechnet.
Was aus dem Geld der schlechten Jahre wurde
Aufgeteilt danach, wann eine Rate eingezahlt wurde: wie viel daraus bis heute geworden ist — und, in der letzten Spalte, welche Rendite pro Jahr das bedeutet.
| Einzahlungen aus… | eingezahlt | heute wert | Faktor | real p.a. |
|---|
Die Faktor-Spalte führt in die Irre. Dass aus dem Geld der Achtziger das 36-Fache wurde und aus dem des verlorenen Jahrzehnts nur das 5,7-Fache, liegt fast ganz daran, dass das eine zwanzig Jahre länger liegt. Die letzte Spalte rechnet diesen Vorteil heraus — und dann dreht sich das Bild: Das Geld, das Max zwischen 2000 und 2009 einzahlte, brachte 8,3 % pro Jahr, das Geld der Neunziger nur 7,9 %. Die zehn Jahre, die als verloren gelten, waren für einen Sparplan also kein schlechteres Geschäft als die gefeierten.
Die beiden letzten Zeilen stehen noch höher, taugen aber nicht zum Vergleich: Dieses Geld liegt erst wenige Jahre im Markt und hat bisher fast nur den Anstieg seit 2013 gesehen. Was daraus wird, entscheidet sich erst.
Vier Wege ab dem Hoch
Im August 2000 stand Max bei 751.386 Dollar. Was danach mit diesem Geld passierte, hing an einer einzigen Entscheidung.
| Entscheidung im August 2000 | danach eingezahlt | heute |
|---|
Zwischen „weiter machen" und „Depot behalten, aber nicht mehr einzahlen" liegen 613.088 Dollar — erzeugt von 156.000 Dollar Einzahlungen in heutigem Geld; überwiesen wurden dafür tatsächlich 110.998 Dollar. Und wer im Februar 2003 die Nerven verlor und verkaufte, sitzt heute auf 425.846 Dollar statt 3,83 Millionen, selbst wenn er das Geld danach nie wieder angefasst hat. Auch der Wiedereinstieg 2013 — zehn Jahre später, als es wieder sicher aussah — holt das nicht mehr auf.
Für die beiden Verkaufsvarianten ist angenommen, dass das Geld auf dem Konto seine Kaufkraft genau hält — also Zinsen in Höhe der Inflation. Tatsächlich lagen die Zinsen zwischen 2009 und 2021 darunter; die beiden Zeilen sind damit eher zu freundlich als zu streng gerechnet.
Warum diese Zahlen zu gut sind
Max hat im Januar 1980 angefangen. Das war keine gewöhnliche Entscheidung, sondern die bestmögliche: Rechnet man denselben Sparplan über zwanzig Jahre für jedes Startjahr seit 1900 durch, steht 1980 auf Platz 1 von 107.
Damit ist die Geschichte nicht falsch, aber sie ist der obere Rand. Ein gewöhnlicher Start hätte nach zwanzig Jahren das 2,3-Fache gebracht statt des 5,6-Fachen — immer noch ordentlich, aber eben keine Geschichte, die man erzählt.
Drei weitere Dinge fehlen in der Rechnung. Erstens steigt die Sparrate hier mit der Inflation: aus 116,50 Dollar im Januar 1980 werden 500 heute. Wer die Rate nie erhöht, zahlt real nur halb so viel ein und landet bei 2,67 statt 3,83 Millionen. Zweitens gibt es hier keine Steuern und keine Kosten — 1980 war ein Indexfonds auf den S&P 500 in Deutschland praktisch nicht zu bekommen — es gab aktiv gemanagte Fonds, und bei denen sind fünf Prozent Ausgabeaufschlag auf jede Rate bis heute üblich. Drittens sind 46 Jahre eine sehr lange Zeit; die wenigsten fangen mit zwanzig an und rühren danach nichts mehr an.
Was daraus folgt
Der Satz, den man über Sparpläne am häufigsten hört, stimmt: Es funktioniert. Aus 289.500 Dollar wurden 3,83 Millionen, in Kaufkraft gerechnet, ohne einen einzigen klug gewählten Zeitpunkt.
Nur steht in diesem Satz nicht, wie es sich unterwegs angefühlt hat. Zweieinhalb Jahre lang war weniger im Depot als eingezahlt. Zweimal verlor Max fast die Hälfte. Einmal dauerte es fast sieben Jahre, bis er wieder dort stand, wo er schon einmal gewesen war — und fünf Monate später begann der nächste Rückgang. Der Ertrag ist die Bezahlung dafür, das ausgehalten zu haben, nicht dafür, angefangen zu haben.
Der interessanteste Befund steht aber nicht am Ende, sondern in der Mitte: Das Geld, das Max im verlorenen Jahrzehnt einzahlte, hat sich mit 8,3 % pro Jahr verzinst — besser als das Geld der Neunziger und fast so gut wie das der Achtziger. Wer monatlich kauft, bekommt in schlechten Jahren mehr Anteile für dasselbe Geld, und genau diese Anteile tragen den späteren Anstieg. Für einen Sparplan sind schlechte Jahre keine verlorene Zeit, sondern die günstigen Einkaufsjahre. Das ist der Unterschied zwischen einer Einmalanlage und einer Rate, und zwischen 2000 und 2009 wird er besonders deutlich.
Grenzen dieser Rechnung. Gerechnet wird mit Monatsdurchschnitten der S&P-500-Reihe inklusive wiederangelegter Dividenden, alles in Kaufkraft von August 2026. Ohne Steuern, ohne Kosten, ohne Währungseffekte — für einen deutschen Anleger käme das Verhältnis von Dollar zu D-Mark und Euro hinzu, das die Rechnung in einzelnen Jahrzehnten deutlich verschiebt. Das Hoch im August 2000 ist das Hoch der Monatsdurchschnitte; der höchste Tagesstand lag im März 2000. Und es ist der amerikanische Markt — der Markt des Landes, das am besten durch dieses Jahrhundert gekommen ist.
Quellen und Methode
- S&P-500-Monatswerte, Dividenden und US-Verbraucherpreisindex, Standard-and-Poor's-Composite-Reihe — shillerdata.com
Sparplan auf den S&P 500 inklusive wiederangelegter Dividenden, Monatsdurchschnitte. Startkapital 10.000 US-Dollar im Januar 1980 und 500 US-Dollar monatlich, beides in Kaufkraft von August 2026 — die nominale Rate steigt also mit der Inflation von 116,50 auf 500 Dollar, tatsächlich überwiesen wurden über die 46 Jahre 161.006 Dollar. Reale Beträge mit dem US-Verbraucherpreisindex umgerechnet. Die Rendite des Sparplans ist der interne Zinsfuß des Zahlungsstroms. Für die Verkaufsvarianten ist angenommen, dass Bargeld seine Kaufkraft genau hält. Ohne Steuern, Kosten und Währungseffekte.
Eigene Berechnung · Stand September 2026 · zuletzt geändert 2026-09-27 · wie hier gerechnet wird